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Zeit zu gehen – der Jahreswechsel im FC

Abfallfibel 2010

Lesezeit ca. 2 min

Viele meiner Kollegen und ich haben gemeinsam im Jahr 2018 bei Amazon angefangen. Einige bereits im Sommer zum Prime Day, ich und andere Ende Oktober zum Weihnachtsgeschäft. Kurz vor Weihnachten werden also die befristeten Verträge für die Aushilfen verlängert oder eben nicht. Hierzu erinnere ich mich an einen äußerst kuriosen Fall einer „nicht Verlängerung“ einiger Kollegen, am alles entscheidenden Tag – es war Freitag der 21.12. und somit der letzte Arbeitstag vor Weihnachten.

In der Belegschaft hat man sich bereits seit Beginn der Woche auf diesen letzten Freitag einstellen müssen, denn die Geschäftsleitung hat schon am Montag die „hired or fired“ Container aufstellen lassen. Drei leere blaue Müllcontainer (siehe Beitragsfoto) wurden hierzu im Bereich der Garderobe vor den Umkleidekabinen platziert. Als relativer Neuling hat mich natürlich brennend interessiert, weshalb diese Container nun so derart präsent im Flur standen – so platziert, dass sie auch der letzte Hans Guck-in-die-Luft nicht übersehen konnte. Die altgedienten Kollegen klärten mich dann schnell auf; diese Container waren dafür vorgesehen, Sicherheitsschuhe, Warnwesten, Trinkflaschen und andere persönliche Gegenstände eben jener Mitarbeiter aufzunehmen, deren Vertrag im nächsten Jahr nicht verlängert wird.

Wozu die Container dann bereits vier Tage im Voraus an solch einer unübersehbaren Stelle platziert wurden, lässt mich nur spekulieren. Um psychologisch gesehen Druck aufzubauen, kurz vor Weihnachten noch mal sein Bestes zu geben und eine heißbegehrte Verlängerung zu erhalten? Wer weiß, eine logische Erklärung erschloss sich mir und den anderen jedenfalls nicht. Nun gut, der Tag der Tage war also da und jeder wusste – ohne Ansage des Managers – dass es heute um die Wurst gehen würde. Schnell hat sich herumgesprochen, dass die ersten nach vorne ans „Lead Desk“ (dort wo die täglichen Briefings des Managers oder der Leads abgehalten werden) gerufen werden – mittels persönlicher Kurzmitteilung auf den Handscanner. Ich meine mich zu erinnern, dass ich noch vor dem Mittag in der Frühschicht dran war. Ich erhielt einen ein Jahresvertrag. Das absolute Maximum für eine Aushilfe und ein positives Signal des Managers, dass er auch in Zukunft auf mich setzen möchte. Im Gegenzug gab es für die meisten anderen zwischen drei und sechs Monate oder natürlich auch gar keinen Anschlussvertrag.

Nach dem Mittag, erzählte mir schließlich einer der Kollegen eine abgefahrene Geschichte, die sich am Vormittag zugetragen hatte. Drei oder vier Kollegen aus unserer Abteilung „Stow“ waren auch an diesem Freitag wieder ans Dock ausgeliehen worden. Sie wurden dann alle spontan in den „Team Lift“ Bereich nahe der Mitarbeiterschleuse (Erklärung folgt in einem anderen Beitrag) verlegt wo schließlich der Anruf erfolgte; mein 2,10 m großer Kollege mit der Statur eines Profi-Wrestlers, erhielt eine Nachricht vom Lead Desk (wohlgemerkt ein Anruf und keine Nachricht auf den Scanner, aber auch kein persönliches Gespräch unter vier Augen). Der Manager war am Apparat und wies Ihn an, die besagten Kollegen bitte an die Schleuse zu begleiten und sie zu verabschieden. Ich dachte im ersten Moment, der Kollege wollte mich veralbern, merkte aber schnell, dass es Ihm Ernst war. Er hatte selbst auch erst im Nachgang realisiert, dass ER gerade die Kollegen entlassen durfte. Keine Verabschiedung, kein Wort aus dem Mund des Verantwortlichen, eine Abschiebung im wahrsten Sinne der Tatsachen. Wir hatten an diesem Tag mit Vielem gerechnet – mit sowas aber nicht.

Wie seht Ihr das, sollte der Chef nicht zumindest ein persönliches Wort sprechen, wenn Mitarbeiter entlassen werden? Kann man so ein Vorgehen überhaupt in der Firmenkultur wiederfinden oder ist das ein No-Go?

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