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Der strategische Aufbau eines Fulfillment Center

Eingangsbereich des FC Pforzheim. Drehtüren, Tower und Brücke zur Pforte

Lesezeit ca. 3 min

Das sogenannte „FC“ hat nicht nur aus logistischer Sicht einen relativ simplen Aufbau, sondern auch aus Gründen des Diebstahlschutzes. Diese Tatsache wird einem bewusst, sobald man zum ersten mal solch ein Logistikzentrum betritt. Viele Fulfillment Center sind nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut und weisen auch eine identische Gebäudearchitektur auf. Dies erkennt man, wenn man die Gebäudefläche vergleichend betrachtet. Allen gemein ist der sogenannte „Bananatower“ – das ist der gelbe Eingangsbereich, der einem Wachturm mit Zugbrücke gleicht (siehe Titelbild des Beitrags) – mit dessen Hilfe auch schon im Mittelalter unliebsame Gäste aus den Burgen des Adels ferngehalten wurde. Der Turm ist mit Drehkreuzen versehen, die nur durch den Mitarbeiterausweis geöffnet werden kann. Dies wird im System vermerkt und jeder Mitarbeiter hinterlässt mit dem Eintreten in den Komplex seinen digitalen Fingerabdruck.

Vollständig umzäuntes Logistikzentrum (rot) mit nur einem einzigen Zugang (grün). Eine sichere Festung, die vor Diebstahl gut gesichert scheint.

Hat man den Tower betreten, führen einen Stufen auf die Höhe der Zweiten Gebäudeebene. Um jedoch zum Gebäude zu gelangen, muss man zuerst die bereits erwähnte „Zugbrücke“ – die man allerdings nicht einziehen kann – überqueren. Danach erst befindet man sich im Gebäude selbst und man findet den Empfangsbereich vor. Frei zugänglich sind hier Umkleidekabinen, separate Büro- und Schulungsräume sowie die Kantine. Weitere Sicherheitsschleusen finden sich dann schließlich auch, um Eintritt in den Lagerbereich zu erhalten. Metalldetektoren ähnlich wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen finden sich dort, samt externem Sicherheitspersonal. Extern vermutlich deshalb, um ein Anbandeln unter „Kollegen“ zu vermeiden und damit auch gemeinsamem Diebstahl vorzubeugen.

Betritt man nun also den Lagerbereich, findet man im oberen Level ausschließlich sperrige Artikel die über 15 kg wiegen. Das sind Waren, die im FC als „Team Lift“ bezeichnet werden. Um diese einzulagern bzw. zu kommissionieren sind stets zwei Personen (Team) erforderlich. Dies hat einen arbeitsschutzrechtlichen Hintergrund. Im Detail achtet aber nicht wirklich jemand darauf, ob man sich daran hält – lediglich ab und an, wenn ein Manager seinen Weg in das untere Level nimmt und zufällig einen Mitarbeiter „in flagranti“ erwischt, gibt es vielleicht eine Ermahnung. Strategisch ist es jedenfalls höchst interessant, dass sich der Team Lift Bereich auf der Ebene befindet, auf auch Ein- und Ausgang zum Lager sind. Wenn man sich nun in die Lage eines Diebes versetzt, ist es denkbar schwierig oder gar unmöglich die unhandlichen, schweren Waren durch die Schleuse zu schmuggeln. Umgekehrt ist es ebenso unmöglich im unteren Level unbemerkt nach draußen zu gelangen – alles Türen sind Alarmgesichert und nur speziell autorisiertem Personal ist es gestattet draußen zu arbeiten. Dazu zählen z.B. die Dockarbeiter oder die eignen LKW Fahrer, die die DHL Container rangieren. Externen Fahrern ist es daher auch nicht erlaubt, das FC zu betreten. Sie dürfen auch nicht die Waren ab oder aufladen, sondern müssen in einem Aufenthaltsraum für Fahrer warten, bis die Arbeiten erledigt sind.

Auf der Satellitenaufnahme wird nochmal deutlich, dass der gesamte Gebäudekomplex sehr durchdacht gesichert ist. Die rote Linie stellt die Umzäunung dar, hermetisch um das Lager herum. Rein und raus kommt man nur mit Ausweis, Security ist rund um die Uhr präsent. Soweit mir bekannt, hat sich in der Zeit in der ich dort tätig war, kein augenscheinlicher Fall eines Diebstahls ereignet. Wie ich aber in einem anderen Beitrag bereits angedeutet hatte, kommt es wohl im Bereich von Lebensmitteln regelmäßig zu Entwendungen – die dann an Ort und Stelle verzehrt werden. Ein Kollege erzählte mir auch von Schuhkartons, die er kommissioniert aber geöffnet vorgefunden hatte. Darin befanden sich getragene Sicherheitsschuhe – ein Mitarbeiter hat also die Ware gegen seine eigenen Schuhe getauscht und hat damit das Lager (versucht) zu verlassen. Ob er damit erfolgreich war, weiß ich nicht.

Was meint Ihr? Sind diese Maßnahmen überzogen oder gerechtfertigt? Ich kann jedenfalls sagen, dass man sich allein aufgrund der Gebäudestruktur und des Sicherheitspersonals schon ein wenig wie im Gefängnis gefühlt hat. Jedenfalls nicht vergleichbar zu anderen Arbeitsplätzen, an denen man weitaus mehr Freiheiten hat. Schreibt mir, wie Ihr Euch fühlen würdet, wenn Ihr unter diesen Bedingungen arbeiten müsstet.

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