Das Vorstellungsgespräch in Pforzheim

Das Vorstellungsgespräch in Pforzheim

Lesezeit ca. 8 min

Meinen „individuellen“ Termin zum Bewerbungsgespräch hatte ich mir in Pforzheim am 4. Oktober um 10.00 Uhr ausgesucht. Jedes Amazon Logistik-Zentrum nennt sich im Fachjargon „Fulfillment Center“ oder kurz FC. Eine nähere Erläuterung für den Laien findet sich bei Wikipedia:

Fulfillment (englisch Fulfilment oder Fulfillment, „Erfüllung“) ist die Gesamtheit aller Aktivitäten, die nach dem Abschluss eines Vertrags der Belieferung des Kunden und der Erfüllung der sonstigen Vertragspflichten dienen.

Vorab, dies wird einem weder beim Vorstellungsgespräch noch bei Arbeitsbeginn inklusive Einführung mitgeteilt oder erklärt. Auf Nachfrage bei den Beschäftigten konnte mir keiner eine genaue Definition geben. Erst nach eigener Recherche konnte ich mit dem Begriff etwas anfangen.

Der Standort war mir von Beginn an nicht unbekannt. Durch meine vorige Tätigkeit in der Region, bin ich des Öfteren am FC vorbei gefahren, der unübersehbare gelbe „Tower“ ist schon aus der Ferne markant in der Landschaft wahrzunehmen. An besagtem Tag dort angekommen jedoch, ist auf den ersten Blick nicht gleich ersichtlich wo sich der Haupteingang für die Mitarbeiter überhaupt befindet. Das Geheimnis hat sich jedoch schnell gelüftet – wie eine moderne Festung erfolgt der Zutritt nur durch eine Reihe von Drehtüren, die Einlass in den Tower gewähren. Von hier aus gelangt man schließlich über eine ca. 100 m lange Brücke zur Information bzw. Pforte. Das Ganze hat etwas von einer modernen Festung, die nur einer auserwählten Klientel Zutritt gewährt. Im Falle von Amazon also, seinen Mitarbeitern. Firmenfremde können sich hier schnell unerwünscht fühlen und Fehl am Platz fühlen.

Eingangsbereich des Fulfillemnt Center (FC) Pforzheim. Eine moderne Festung mit Drehtüren, Tower und Brücke zur Pforte

Direkt am Ende der Brücke wurde ich von einem Zweier-Team der Recruiter empfangen. Personalien wurden auf einer Liste überprüft, meine Anwesenheit abgehakt und ich bekam einen Besucherausweis umgehängt. Danach ging es weiter in einen Warteraum, mit den bereits vor mir anwesenden und zukünftigen „New Hires“. So werden bei Amazon die Frischlinge genannt. Mit mir waren an diesem Tag insgesamt 30 Leute zur Vorstellung anwesend. Voller Erwartung und nichts ahnend nahm ich Platz und war gespannt was als nächstes passieren würde. Es zeichnete sich jedoch sehr rasch ab, dass wir uns hier nicht in einem Expresszug platz genommen hatten. Dies wurde spätestens dann klar, als zum Zeitpunkt meines Eintreffens New Hire Nr. 6 aufgerufen wurde (ich selbst war Nr. 16). Uns hatte man zwar bereits im Vorfeld auf einen etwa 7-8 Stunden dauernden Tag hingewiesen, dass dieser aber zu über 60% aus Warten bestünde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nur erahnen.

Alle 10 Uhr New Hires wurden vorab gemeinsam zur Abgabe der geforderten persönlichen Unterlagen (Ausweis, Krankenkassen Bestätigung, Steuernummer etc.) aufgefordert und im Anschluss durfte man in einem größeren Warteraum platz nehmen. Folgendes Video lief dort in einer Dauerschleife. Es hat eine Spielzeit von ca. 8 Minuten und wir warteten gemeinsam etwa 3 h mit Unterbrechungen in diesem Raum. Somit mussten wir uns dieses Video mehr als 23 Mal anschauen. „Das kann man sicher besser machen“ dachte ich mir und hatte zum Glück meinen Smartphone Akku am Morgen frisch geladen.

Kaffee und Getränke wurden kostenlos bereit gestellt und nachdem mir die Situation bewusst wurde, habe ich mich auf einen langen und zähen Tag eingestellt. Die erste Station war ein Hebetest, denn auch schon in der Bewerbung musste man Angaben zur körperlichen Fitness machen. Der Test bezog sich auf das Dauerhafte heben von Paketen mit einem Gewicht von bis zu 15 kg. Praktisch musste man also nacheinander drei Pakete (A, B und C) in unterschiedlicher Größe und mit unterschiedlichem Gewicht von der einen Seite des Raumes zur anderen befördern und gemäß einer Vorgabe entsprechend einsortieren. Eine Personal-Assistentin fragte danach, ob man körperliche Beschwerden habe, wenn man dies verneinte, ging es ab in die nächste Runde.

Nach etwa 45 minütigem Warten kam dann das persönliche Gespräch unter vier Augen. Die Assistentin arbeitete Ihren Fragenkatalog ab, der unter anderem beinhaltete warum man sich bei Amazon beworben hat und was aus meiner Sicht für Leute gesucht werden und warum. Am Ende teilte mir die Dame dann mit, dass Sie es sich sehr gut vorstellen könne, mich als Aushilfe anzustellen. Dass die Stelle befristet ist, wurde hier nochmals erwähnt. Das Prozedere dauerte keine 30 min, im Anschluss wurde noch ein Foto für den Betriebsausweis gemacht und es folgte ein erneutes Warten.

Dieses Mal über 1 h, solange eben bis alle 30 New Hires abgearbeitet waren. Danach wurde dann der Arbeitsvertrag unterschrieben, der zuvor von einer anderen (höheren) Personal-Assistentin vorbereitet wurde. Nach der Unterschrift gab es einen Handschlag und ich wurde herzlich bei Amazon willkommen geheißen. Direkt danach bekam ich Sicherheitsschuhe zum Anprobieren, eine gelbe Sicherheitsweste (wie die aus dem Auto) und einen Gürtel mit Kunststoffschnalle. Zudem wurden Spindschlüssel ausgegeben und die Mittagspause wurde angekündigt, wenn der Standortleiter Alexander Bruggner seine Ansprache gehalten hat.

Gespannt darauf, was uns der Chef zu sagen hat und wie er Mitarbeiter in Empfang nimmt, von denen er weiß sie bringen meist keine oder nur eine sehr geringe Qualifikation mit, warteten wir wieder ca. 20 min. Sichtlich beschäftigt (mit dem Telefon), stellte sich Herr Bruggner als „Alexander“ vor. Hier bei Amazon seien alle ein große Gemeinschaft und die Hierarchien flach, daher nennen sich alle beim Vornamen und sind per Du (ganz wie es bei einem amerikanischen Unternehmen zu erwarten war).

Managing Director Alexander Bruggner (Amazon Pforzheim) // Foto (c) PF Kurier

Nach einer kurzen Vorstellung und einem großen Dankeschön an uns Aushilfen, fragte er in die Runde wer es sich vorstellen könne länger (also über die Weihnachtszeit hinaus) bei Amazon tätig zu sein. Zögerlich streckten einige den Arm in die Höhe, merklich eingeschüchtert vom „Chef“ – ich tat dies souverän und erntete einen wohlwollenden Blick. Alexander erklärte uns, dass auch das Stammpersonal stetig vergrößert werde und somit die Chance auf eine Festanstellung bestünde – für jeden von uns. Wieder fragte er in die Runde, an wem es liege fest eingestellt zu werden. „An uns selbst“ antwortete ich und Alexander nickte. „Genau so ist es!“ – wer eine gute Leistung bringt und seine Teamfähigkeit unter Beweis stellt, hätte gute Chancen einen Anschlussvertrag zu erhalten. Wir sollen hierzu regelmäßig mit unserem Area Manager Rücksprache über unsere persönliche Leistung halten und uns Möglichkeiten zur Steigerung der Performance aufzeigen lassen. Mit einem „Alles Gute für Eure Zukunft bei Amazon“, „Wer Fragen hat oder Hilfe benötige wende sich jederzeit an mich oder den Area Manager“ und „Viel Spaß bei der Arbeit“ verabschiedete sich Herr Bruggner nach 20 min wieder. Tja, ganz nett dachte ich mir, so eine Ansprache hat er bestimmt schon tausendfach gehalten und im Laufe seiner Karriere bei Amazon immer wieder verfeinert und optimiert, nicht zuletzt eng angelehnt an amerikanische Geschäftspraktiken. Wer den Film „The Wolf of Wallstreet“ gesehen hat, muss sich in etwa eine light Version der Motivations-Ansprache von Leonardo Di Caprio als Parallele vorstellen.

Danach ging es zum Spind und dann in die Mittagspause. Vorsorglich hatte ich mir Brote geschmiert, da leider nicht bekannt war ob wir in der Firmenkantine essen durften. Das war jedoch kein Problem, das Essen wird Bar gezahlt, Getränke wie Wasser, Apfelschorle oder Multivitaminschorle und Kaffee sind kostenlos. Ich saß alleine am nächstbesten freien Tisch mit meinen Broten, drei Cocktail Tomaten und einer Paprika, da kam mir der Chef höchst persönlich entgegen (Manager haben einen eigenen Speisesaal mit Küche). Offenbar habe ich einen bleibenden (wenn auch nur kurzfristigen) Eindruck hinterlassen, „darf ich mich kurz zu Dir setzten?“ fragte er höflich. Ich bejahte und zeigte auf den gegenüberliegenden freien Platz. Nach der Frage wo ich herkomme folgte obligatorisch was ich vorher gearbeitet hatte. Ich habe meine Situation erklärt und er war sichtlich überrascht. Nach einem kurzen oberflächlichen Gespräch wünschte er mir einen guten Appetit und verabschiedete sich wieder. Auf mich machte er einen netten Eindruck und trotz der Oberflächlichkeit nicht aufgesetzt. Wir werden sehen, ob sich das im Arbeitsalltag auf anderen Hierarchieebenen fortsetzen wird.

Empfang bei Amazon // Foto (c) Amazon

Nach der Mittagspause bekamen wir eine erste Sicherheitseinweisung, denn Sicherheit wird bei Amazon groß geschrieben und sehr viel Wert auf die Einhaltung gelegt (hat man uns zumindest gesagt). Die Einweisung vermischte sich mit einer Darstellung des Firmenprofils und des Standortes Pforzheim, sodass insgesamt drei verschiedene Mitarbeiterinnen der HR Abteilung (HR = Human Resources neudeutsch, oder einfach Personalabteilung) mehr oder weniger Ihre Präsentationsfähigkeiten darboten. Dies fand – bei allen Dreien – mehr schlecht als recht und zum Teil in gebrochenem Deutsch und unstrukturiert statt. Hinterher war ich genauso schlau wie vorher, den anderen Teilnehmen erging es – abgelesen am Gesichtsausdruck – genauso. Auch dieser Vorgang war von Unterbrechungen durchzogen, alle Mitbewerber waren also froh als sich die letzte Dame mit der Aussicht auf Entlassung von uns verabschiedete. Zuvor bekamen alle noch Ihre Schichtpläne ausgehändigt, damit man für den ersten Arbeitstag eine Orientierung hatte worauf man sich einstellen muss. Mit dem Plan wurde auch offensichtlich welcher Abteilung und welchem Area Manager man zugeteilt war. Auf meinem Plan stand „Stow“ und die Area Managerin war Jana Petzoldt (Name geändert). Mit Beidem konnte ich nicht sehr viel anfangen. Ich wusste nur, die letzten beiden Oktober Wochen arbeite ich von 6.05 – 14.35 Uhr in der Frühschicht. Eine LinkedIN/Xing Recherche nach der neuen Chefin verlief im Sand, somit warte ich nun auf den ersten Arbeitstag bei Amazon.

Ach ja, nebenbei sei noch erwähnt, dass Amazon den Tag mit ca. 83,00 € bei einer Anstellung vergütet. Das entspricht also einem Stundenlohn von etwa 11,85 €.

Habt Ihr ähnliche Erfahrungen bei Amazon oder einem anderen Logistikunternehmen gemacht? Wie war Euer erster Tag im Job? Verratet es mir in einem Kommentar.

3 Gedanken zu “Das Vorstellungsgespräch in Pforzheim

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